Wie radikal war Martin Luther?

Dieser Frage ging der Germanist und Literaturwissenschaftler Dr. Wolfgang Beutin in seinem gut besuchten Vortrag im GTZ der Urspringschule nach. [Südwestpresse und Schwäbische Zeitung berichteten.] Darin zeichnete er ein ambivalentes Bild des großen Reformators.

Bestünde Luthers Hinterlassenschaft aus nichts als seinen Auslassungen über die Juden, zum Bauern- und zum Türkenkrieg, also aus nichts als „Mord- und Totschlagpropaganda“, „so könnte sie getrost ad acta gelegt und vom Staub der Bibliotheken begraben werden“. Dies schreibt Wolfgang Beutin in seinem Buch „Der radikale Doktor Martin Luther“, das soeben in der dritten aktualisierten und stark erweiterten Auflage im Verlag Peter Lang erschienen ist. Luthers üble antijudaistische Hetztiraden, seine rassistischen Ausfälle gegen die Türken und sein Wüten „wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern „bilden nach Beutin, so arg und schlimm sie seien, nur die „peripheren“ Dinge. Wer den Blick ausschließlich auf sie richte und Luthers „Theologie von vornherein als höheren Schwindel ganz beiseite und unberücksichtigt lässt“, der versperre „sich selber den Zugang zum Kern der Glaubenslehre Luthers” und und damit auch „zur Erkenntnis dessen, was darin an Gehalten der ersten bürgerlichen Revolution eingelagert ist.“

Dr. Wolfgang Beutin sprach in Urspring über die Radikalität Martin Luthers.

Was ist nun aber der Kern von Luthers Theologie? Nach Beutin: die Utopie vom Reich Gottes, die Theologie der Armen samt Gleichheitsforderung („Es ist doch immerfort ein Mensch so wertvoll wie der andere“), die Glaubens- oder Gewissens- bzw. Gedankenfreiheit – beide Forderungen freilich mit der Einschränkung ihrer Anwendung ausschließlich auf das geistliche Gebiet, die Christengemeinschaft – sowie schließlich das Lob des Friedens („der das größte Gut auf Erden ist und worin auch alle anderen weltlichen Güter inbegriffen sind“). Die Machtfülle der katholischen Kirche und ihre Auswüchse waren Luther ein Dorn im Auge. Vehement bekämpfte er den Ablassschwindel und die sogenannte Werkheiligkeit. Darunter versteht man die Vorstellung, dass sich der Mensch durch gute Werke oder Gebete seinen Aufenthalt im Himmel sichern oder jedenfalls besser erwirken kann.

Aus seiner Utopie des „Reichs nicht von dieser Welt“ habe Luther, so Beutin, die Kraft seines Hasses bezogen, der ihn zu seiner Revolution gegen die Papstkirche antrieb. Habe diese doch Jahrhunderte lang der Menschheit vorgespiegelt, sie verkörpere bereits das „Reich nicht von dieser Welt“, das wiedergewonnene Paradies. Luther hingegen, und nicht nur er, sah in ihr einen Vorhof der Hölle, im angeblichen „Stellvertreter Gottes“ den „Antichrist“, ein Instrument des Teufels, der wiederum in der Gedankenwelt Luthers eine äußerst virulente, kaum weniger imposante Figur spielte als sein positives Gegenbild, der Vatergott. Entsprechend glaubte der Reformator an die Möglichkeit des Teufelspaktes, der Teufelsbuhlschaft und des Schadenzaubers und befürwortete die Verfolgung von Zauberern und Hexen.

Der Vollendung der evangelischen Freiheit im Reich Gottes stellte Luther das Reich „dieser Welt“ gegenüber. In diesem könne der Mensch nur durch die vermittels des Schwerts regierende Obrigkeit in Banden gehalten werden. Nur Gewalt könne dafür sorgen, dass die Guten, darunter die Christenschar, von den Bösen unbeeinträchtigt blieben. Dass es gerade die „Guten“ waren, die am meisten unter den zahllosen Grausamkeiten der meist „unchristlich“ handelnden Obrigkeit litten, änderte nichts an Luthers archaischer Auffassung, dass die Obrigkeit, die weltliche wie die geistliche, eine göttliche Einrichtung sei, sich ihre Autorität von der väterlichen herleite, begründet im 4. Gebot: „… aus der Eltern Obrigkeit fließt und breitet sich alles aus“. Wenn indes die Glaubensfrage auf dem Spiel stand – da war Gehorsam gegenüber der Obrigkeit Sünde. Da machte Luther zwar nicht den aktiven Widerstand, wohl aber die Gehorsamsverweigerung dem Christen zur Pflicht.

Mit Luther fanden sich die Volksmassen zunächst in dem Bestreben vereint, den lastenden Apparat der Papstkirche zu demontieren. Als Objekte der feudalen Ausbeutungspraxis erkannten sie keinen Wesensunterschied zwischen ihren „geistlichen“ Unterdrückern hier und den „weltlichen“ dort. Der Freiheit „in dieser Welt“, der sie nach der Schwächung der Papstkirche in der ersten Hälfte der 1520er Jahre immerhin ein Stückchen näher gekommen waren, standen nicht nur die Agenturen Roms, Bischofssitze und Klöster im Wege, sondern ebenso die Burgen und Schlösser des Adels. Ihre Angriffe richteten sich also auch gegen Letzte, eben gegen den ganzen feudalen Machtapparat, stellten sie mit der Leibeigenschaft doch nicht weniger als das gesamte ökonomische Fundament des Feudalismus infrage.

Bewies die Tatsache, dass Luther sich im Bauernkrieg auf die Seite der weltlichen Obrigkeit, der Fürsten schlug, „im Tiefsten das Realitätsgefühl des Reformators“, wie Beutin meint, „da die wirkliche Freiheit zu vollenden nicht im Bereich der Möglichkeiten der sich 1517 in Umrissen abzeichnenden neuen Bürgerherrschaft lag? Richtig ist, dass Luther die Unterstützung der deutschen Fürsten für seine innerkirchliche Reform brauchte. Sie waren es, die von seiner Lehre objektiv am meisten profitierten. Jedenfalls sei Luthers Schuld, so Beutin, nicht seine Unbeständigkeit, sein Taktieren oder gar sein „Verrat“ gewesen, wie ihm von den Volksmassen vorgeworfen wurde. Als Luthers „Schuld – oder vom Verlauf der deutschen Geschichte her gesehen – ein objektives Verhängnis“ habe sich „umgekehrt gerade seine Beständigkeit“ erwiesen. „Er hielt fest an seiner Theologie eines Reiches ,nicht von dieser Welt‘, worin ,evangelische Freiheit‘ ihre Stätte finden sollte.“

Wolfgang Beutin im Gespräch mit Schulpfarrer Siegfried Fischer

Wo liegen nun Luthers Verdienste und sein zu bewahrendes Erbe? Beutin verweist darauf, dass Luther, etwa was die „Säkularisationen“ anlangt, der Entwicklung den Weg wies, den diese im Reich seit dem 16. Jahrhundert eingeschlagen hat. So gingen nicht nur in den protestantischen Territorien die Klöster, die Einrichtungen und Liegenschaften der Kirche in weltliche Hände über, sondern die Säkularisationen begannen, sich auf ganze Territorien geistlicher Fürsten zu erstrecken. „Diese Veränderungen in der Welt hieß Luther ausdrücklich gut wie gleichfalls die politische Machtverlagerung von der römischen Kirche und ihren Untergliederungen hin zu den weltlichen Fürsten und städtischen Magistraten.“ Auch andere Entwicklungen erhielten durch Luther einen entscheidenden Anstoß, wie z.B. die moderne Auffassung der Arbeit und des Berufs, die Reform der bürgerlichen Familie sowie der Ordnung im Hause, eben Luthers Sozialethik . All das habe sich ohne die Absicht und den Willen des Reformators ergeben. „Es sind sozusagen historische Verdienste wider Willen des Reformators. Die Reformation habe hier Entwicklungen eingeleitet, „deren Endpunkt keiner der Reformatoren hat kennen können.“

Fotos: A. Bahar

 

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